Die Uhrenmessen von Basel und Genf haben es gezeigt: In der Haute Horlogerie gibt es derzeit kein Halten. Luxus verkauft sich wie frisch gebackene Brötchen, der Weltmarkt für exklusive Zeitmesser kann gar nicht genug von den Schweizer Exklusivitäten kriegen. Die «Baselworld» meldete mit 101 700 Besuchern «die beste Messe aller Zeiten», und auch am Genfer «Salon International de la Haute Horlogerie» (SIHH) herrschte Goldgräberstimmung. So präsentierte etwa Jean-Claude Biver, Chef von Hublot, in Basel eine komplett mit Diamanten bedeckte Version seiner «Big Bang», die «One Million Dollar Bang» - der Preis erklärt sich in diesem Fall von selbst. Und auch die Tatsache, dass der völlig euphorisierte Biver schon fünf dieser Uhren verkauft hatte, bevor er den ersten Prototyp in Basel zeigte, spricht für sich.
Auch in Genf waren die Uhrenhersteller und Händler bester Laune: Auf dem als exklusive Privatveranstaltung aufgezogenen Salon waren die Restaurants, Lounges, Vorführsäle und Verkaufs-Separees brechend voll von Liebhabern, Fachjournalisten, Kunden und Agenten. Vor allem die boomenden Märkte in Osteuropa, im Nahen Osten sowie in China haben es auf Schweizer Uhren abgesehen. Der Zuspruch dieser Klientel beeinflusst auch die Ästhetik: Während sich die Kunden in etablierten Märkten vermehrt der Klassik zuwenden, verkaufen sich in den neuen Luxuszonen der Welt prunkvoller Schnickschnack und teilweise hochkomplizierte Mechanik unverändert gut. (jvr.)
Bling, bling, bingo!
Menschen mit einer dicken Geldbörse haben oft auch einen Hang zum Glücksspiel, besonders solche, die schnell zu Reichtum gekommen sind. Das ist auch in den Sphären der Haute Horlogerie bekannt. Deshalb verwundert es nicht, dass eine seriöse Marke wie Girard-Perregaux eine sündhaft teure Uhr kreiert hat, die gleichzeitig auch Spielzeug ist. Eigentlich sind ja praktisch alle komplizierten mechanischen Uhren Spielsachen für Männer. Dennoch: So offensichtlich haben es bisher nur ganz wenige kundgetan. Die «Vintage 1945 Jackpot Tourbillon» ist, abgesehen vom Tourbillon, mit einem funktionsfähigen einarmigen Banditen ausgerüstet. Zunächst muss man, wie beim Vorbild, der «Liberty Bell», auf der rechten Seite einen Hebel nach unten durchdrücken. Sobald man ihn loslässt, fährt er in seine Ausgangsstellung zurück, und das Schauspiel beginnt: In einem waagerechten Fenster über den Zeigern drehen sich drei Walzen mit den fünf bekannten Symbolen, bis eine nach der anderen zum Klang eines Glöckchens gestoppt wird. Das Einzige, was das 640 000 Franken teure Wunderwerk nicht beherrscht, ist das Ausspucken von Bargeld. Doch damit sind ja auch die grossen Vorbilder ausgesprochen geizig. Tim Delfs
Die neue Diskretion
Im Bereich der Damenuhren glitzert, glänzt und funkelt es derzeit sehr. Viele der neuen Modelle verbinden Uhrmacherkunst mit hoher Juwelierkunst. Das bedeutet oft auch, dass auf der knappen Fläche, die ein Zifferblatt bietet, so viele Diamanten und andere Edelsteine placiert werden, dass manch ein hochkarätiges Collier neidisch werden könnte. Auch Armband, Lünette, Ziffern und Zeiger bleiben nicht verschont. Es geht aber auch anders. Patek Philippe geht mit der neuen «Gondolo Ref. 4949» mit gutem Beispiel voran. Das 30x37 mm grosse, tonneauförmige Gehäuse ist aus Weissgold gefertigt. Auf den Innenseiten funkeln 26 Diamanten im Brillantschliff. Auch die Krone wurde mit 14 wertvollen Steinen geschmückt. Die beiden Flanken des Gehäuses sind im Flechtmuster gearbeitet. Mit dem von Hand guillochierten Zifferblatt und dem braunen Satinarmband wirkt die 16 000 Franken teure Quarz-Damenuhr edel und fein statt kompliziert oder überladen. Weniger ist eben manchmal doch mehr. Fiona Hefti
Ticken ohne Öl
Jaeger-Le Coultre bleibt sich treu: Ein neues Modell muss die Präzision der Uhr verbessern oder die Funktion erweitern - die Manufaktur aus dem Vallée de Joux verzichtet konsequent auf Pseudo-Innovationen. Mit der Konzeptuhr «Extreme Lab» ist dem Team um Firmenchef Jerôme Lambert ein Durchbruch gelungen: Der erste mechanischen Zeitmesser, der komplett ohne Öl und Wartung auskommt. Die mit sechs Patenten geschützte Uhr läuft daher selbst bei Temperaturen von plus 60 oder minus 40 Grad äusserst präzise. Das Vorzeigestück von Jaeger-Le Coultre ist das Ergebnis aus jahrelanger Materialforschung: Tourbillon-Käfig aus Magnesium, Lagersteine aus Keramik, Hemmungsrad aus Silizium und Graphitpulver im Federhaus, um die Reibung zu reduzieren. Die Unruh ist nicht mehr rund, sondern besteht aus zwei Armen mit Ausgleichsgewichten an den Enden. Die 45 mm grosse Uhr mit Karbonfasergehäuse zeigt Zeit, Datum und eine zweite Zeitzone an. Die Uhr aus dem Forschungslabor wird nur in wenigen Stücken gebaut und kostet um 320 000 Franken - das darin enthaltene Know-how wird aber auch in günstigere Modelle einfliessen. Daniel Hug
Auf in die Zukunft
Nicht nur bei den exklusiven Marken regt sich der Erfindergeist - auch das mittlere Marktsegment der Schweizer Uhrenindustrie bringt sich mit innovativer Technik neu in Position. Die Grenchener Eterna zeigte in Basel für ihre Lizenzmarke Porsche Design eine aufregende neue Weltzeituhr. Die meisten dieser Instrumente sind furchtbar kompliziert zu bedienen oder abzulesen. Nicht so der «Worldtimer P6750»: Durch Drücken der oberen Krone schaltet man sich durch die Zeitzonen, deren Referenzort in einem Fenster bei drei Uhr und deren Stundenzeit links bei neun Uhr angezeigt wird. Während dieses Einstellvorgangs läuft das modifizierte Automatikwerk, das auf einem ETA- Kaliber Valgranges A07111 aufbaut, ohne Unterbrechung weiter. Die vom Porsche-Design-Studio in Zell am See zusammen mit Eterna entwickelte und mit 11 950 Franken relativ günstige Weltzeituhr überzeugt auch optisch: Das schwarz PVD-beschichtete Titangehäuse ist durch zwei leichte Brücken mit dem Kautschukarmband verbunden. Jeroen van Rooijen
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