Am 7. November 1856 kauft der einstige Primarlehrer Urs Schild-Rust (1829-1888) zusammen mit dem Arzt des Bachtelenbades, Josef Girard-Amiet (1803-1869), die konkursite, 1851 gegründete, erste Grenchner Uhrenrohwerk-Fabrik, die «Girard Frères & Kunz». Trotz harter Konkurrenz kann sich die neue Firma «Girard und Schild» behaupten. 1866 wird Urs Schild ihr Alleinbesitzer. 1876 wandelt er seinen Betrieb in eine Manufaktur um, neben Rohwerken verkauft er unter dem Namen «Eterna» auch Fertiguhren.
Von 1899 bis 1931 führte Urs Schilds visionärer Sohn Theodor das Unternehmen. Zuerst unter dem Namen «Gebr. Schild und Co», 1906 erhebt er den Markenname der Uhr zur Firmenbezeichnung «Eterna Werke, Gebr. Schild und Co». 1924 taucht erstmals der Name «ETA» für die Rohwerke auf. 1931 wird der Betrieb in die Uhrenfabrik «Eterna» und die Rohwerkfabrik «ETA» aufgeteilt.
Die ETA von 1932 bis 1983
Jetzt erscheint ein neuer Name in der Uhrengeschichte: Ebauches SA (ESA/Uhren-Rohwerke AG). Ihre Gründerfirmen sind die beiden «Goliaths» im damaligen Ebauches-Markt, die 1896 entstandene Grenchner Assa (A. Schild SA, heute Werk 2 der ETA) und die seit 1793 bestehende älteste Rohwerkfabrik der Schweiz, die Fabrique d'Horlogerie Fontainemelon (FHF), sowie (auf Druck der Banken) die verschuldete Grenchner Michel AG (heute Werk 17 der ETA). Das Gründungsdatum ist der 27. Dezember 1926.
Der Zweck der ESA: Den seit 50 Jahren chaotischen Uhrenrohwerk-Markt in geordnete Bahnen zu lenken. Denn die (zu) vielen Rohwerkfabrikanten bekämpfen sich und scheuen sich nicht, die Rohwerke in Einzelteile ins Ausland zu liefern, wo diese unter Namen «Swiss made» oft zu Ramschuhren zusammengesetzt werden. Ohne Abhilfe von aussen droht der schweizerischen Uhrenindustrie der Untergang. Die ESA bringt Ordnung in das Preischaos, indem sie mit Hilfe von Banken bis 1951 75 Rohwerkfabriken aufkauft. Die meisten von ihnen werden stillgelegt oder fusioniert. Nur die starken Familienbetriebe bleiben bestehen.
Der Aufstieg der ETA
Unter Rudolf Schild-Comtesse (1900-1978) entwickelt sich die ETA zur führenden Fabrik der ESA. Die Baumeister des Erfolges: Für die mechanischen Uhrwerke Heinrich Stamm (1898-1983) und Urs Giger (1929). 1947 erfindet Heinrich Stamm den auf fünf Kugellagern von 0,65 Milimetern Durchmesser gelagerten Rotor, 1950 die berühmte ETA-Evolventenverzahnung. Giger schafft ganggenaue Rohwerke, indem er das beste Verhältnis zwischen Werkvolumen und Schwingungsorgan herausfindet; ferner vervollkommnet er die modulare Bauweise der Rohwerke. Anton Bally konstruiert 1976 die ersten elektronischen Uhrwerke der ETA.
Eine überragende Rolle in der ETA spielt Fritz Scholl, der technische Direktor und spätere Delegierte des Verwaltungsrates der ETA. 1943 ist er Chef der ersten Lehrwerkstatt der Uhrenindustrie. 1955 gibt er den Anstoss zur Gründung der Abteilung «Automatisation». Seine engsten Mitarbeiter sind Urs Cartier und Kurt Büsser.
Als in der Hochkonjunktur der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Hauptsorge der Uhrenfabrikanten der Personalmangel ist und die Löhne deswegen stetig steigen, weist die ETA dank der rechtzeitig eingeleiteten Automatisation auf ihre Konkurrenten Assa und FHF einen grossen Vorsprung auf. Die Auswirkung: Die ETA ist die ertragsstärkste Tochtergesellschaft des Konzerns.
1977-79 baut Fritz Scholl die Vormachtstellung der ETA weiter aus, indem er in Grenchen die einzige Uhrenquarzfabrik der westlichen Hemisphäre, die ETA-Micro-Crystal, ansiedelt und den einstigen ETA-Lehrling, den Bieler Ernst Thomke, zu seinem Nachfolger bestimmt.
Stürmisches Jahrzehnt 1975-85
1975 ist das Jahr, in dem die elektronische Uhr der mechanischen Uhr, dem Stolz der schweizerischen Uhrenindustrie, beinahe den Garaus bereitet. Unglaublich, denn 1974 tickte noch weltweit in jeder vierten Uhr ein Werk der Ebauches SA.
Es gilt die Kosten der sich innerhalb der ESA bekämpfenden Familienbetriebe zu senken. Die Lösung: Der Verwaltungsrat der ESA beschliesst die Fusion der Tochtergesellschaften. 1978/79 setzt Ernst Thomke diesen Beschluss in der Region Grenchen/oberes Birstal in die Tat um (die FHF im Welschland).
1979/80 gewinnt die ETA Grenchen mit der Delirium I, II, III den Kampf um die flachste Uhr der Welt (0,98 Millimeter - noch heute ein Weltrekord). 1982/1983 lanciert die ETA mit enormem Erfolg die Swatch. Ernst Thomke wird «Mister/ Doktor Swatch» und 1986 «Bieler des Jahres».
ETA Nachfolgerin der Ebauches
Noch ist die ESA kein einheitlich strukturierter Konzern. Aber es ist unabdingbar: Sämtliche Tochtergesellschaften der ESA müssen zu einer Einheit mit genau definierter Rollenverteilung zusammengeschweisst werden. Unter dem Druck der Banken, beraten von Nicolas G. Hayek, wird dieser Zusammenschluss 1983 Tatsache. Natürlich unter Führung der ETA Grenchen, da sie innerhalb der ESA über das stärkste Management verfügt. Das bedeutet: Die Ebauches SA wird zur ETA SA.
Das neue Logo der ETA
Grenchen wird der juristische Sitz des neu gebildeten Rohwerk-Konzerns. Er bildet ein wichtiges Standbein der 1985 von Uhrenkönig Nicolas G. Hayek gegründeten SMH (Société Suisse de Microélectronique et d'Horlogerie), die heute Swatch Group heisst.
Die stolze FHF, mit Gründungsjahr 1793 die älteste Rohwerk-Fabrik der Schweiz, verlor ihren Namen. Ein kleiner Trost ist das neue Logo: «ETA, Manufacture horologère Suisse, depuis 1793». Eine deutsche Übersetzung des Namens fehlt. Das ist eine weitere Hommage ans Welschland. Und die Grenchner ETA ist nicht mehr 150 Jahre alt, sondern 213 Jahre. Klar: Einen solch «unrunden» Geburtstag begeht man nicht.
DIE ETA DAMALS Im Prospekt der Ebauches SA aus dem Jahre 1941 ist die ETA Grenchen als vierte Tochtergesellschaft aufgeführt. Vor ihr sind die Gründer-Firmen Assa, die Fabrique de Fontainemelon und die Michel SA. Oben rechts des Fächers: EB = Ebauches Bettlach, FEF = Fabrique d'Ebauches Fleurier. Die andern Logos wurden später geändert.
Oltner Tagblatt/ German Vogt / www.oltnertagblatt.ch