Kraft der Vision

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Exklusive Zeitmesser zu bauen, genügte Robert Greubel und Stephen Forsey nicht: Sie wollten die Uhr neu erfinden. Dank einem revolutionären Tourbillon-Mechanismus ist dem Duo mit der Marke Greubel Forsey ein Senkrechtstart gelungen.
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Wie sieht ein Erfinder aus? So wie Robert Greubel, der einnehmende48-jährige Elsässer mit dem gelassenen Auftreten und dem Dreitagebart?Oder wie der Brite Stephen Forsey(41), dessen durchdringender Blick gut ins kantige Gesicht passt und der sich als Markenzeichen stets ein Paar Hosenträger über die Schultern spannt? Beide sind sie Erfinder, doch erst als Erfinderpaar haben sie die Uhrenwelt revolutioniert. Die zwei Horlogers-Inventeurs, wie sie sich auch nennen, haben zusammen das Tourbillon des 21. Jahrhunderts erfunden – und die Marke Greubel Forsey gegründet, die Uhren von höchster Güte und bestechenderSchönheit verspricht. Die Geschichte der neuen Uhrenmarke begann Anfang der neunziger Jahre, als sich die beiden Uhrmacher bei Renaud & Papi in Le Locle, einem renommierten Spezialistenfür hochkomplizierte Uhrwerke, kennenlernten. Roger Greubel hatte eine Uhrmacherausbildungin Frankreich hinter sich, erste Erfahrungen im Atelier seines Vaters gesammelt und unter anderem bei IWC an der Grande Complication mitgearbeitet.Stephen Forsey war in England ausgebildetworden und anschliessend beim Luxusgüterhersteller Asprey in London als Restaurator antiker Uhren tätig gewesen. 1999 machten sich die beiden Arbeitskollegenselbständig. «Wir waren durch die jahrelange gemeinsame Arbeit gründlich miteinander vertraut, wir hatten die gleiche Einstellung zu den Dingen, die gleiche Visionvor Augen», sagt Greubel. Und Forsey ergänzt: «Das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben.»
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Volle Auftragsbücher, kleine Produktion:Robert Greubel (l.) und Stephen Forsey.
Teure Meisterstücke der Uhrmacherkunst:Zeitmesser aus dem Hause Greubel Forsey.

Diese Vision, von der sie sprechen, das war die Art und Weise, wie sie ihre Uhren bauen wollten. Jede neue Uhr musste einen technischen Höhepunkt, eine echte Innovation darstellen, ausgeführt in absolut kompromissloserQualität. Alle in der Uhrmachereibekannten Elemente der Veredelung und der Verzierung sollten dieses technische Ausnahmestück derart verschönern, dass es absolut perfekt war, aber nicht überladen wirkte. Als erste Aufgabe nahmen sie sich vor, einen Tourbillon-Mechanismus speziellfür Armbanduhren zu entwickeln. Das Abenteuer konnte beginnen. Ursprünglich war das Tourbillon – ein hochkomplizierter Mechanismus zur Verbesserungder Ganggenauigkeit – von Abraham-Louis Breguet vor 200 Jahren für die damals üblichen Taschenuhren konzipiert worden. Diese, senkrecht in der Brusttasche versenkt, wiesen ein anderes Tragverhalten auf als die heutigen Armbanduhren, die am Handgelenk dauernd bewegt werden. Robert Greubel und Stephen Forsey gelang es, mit einem Doppeltourbillon einen Mechanismuszu erfinden, der die gravitationsbedingtenGangabweichungen kompensiert,und zwar nicht nur in der Senkrechten,sondern in sämtlichen Positionen, in denen sich eine Armbanduhr befinden kann. Die zwei Erfinder steckten ein kleineres, um 30 Grad abgewinkeltes Ein-Minuten-Tourbillon in ein grösseres Tourbillon-Drehgestell, das sich alle vier Minuteneinmal um sich selber dreht. 2004, im Geburtsjahr der neuen Marke, war es so weit. Robert Greubel und Stephen Forsey stellten ihre erste Erfindung, das Double Tourbillon 30 Degré, an der weltgrösstenUhrenmesse, der Baselworld, vor. Sie zeigten nicht einen Prototyp, der vieler Erklärungen mit tausend Wenn und Aber bedurfte, sondern eine ausgereifte, funktionstüchtige, bis ins kleinste Detailperfekt ausgearbeiteteUhr. Das Fachpublikum war sofort begeistert. Nach 2004 präsentierten Greubel und Forsey jedes Jahr eine weitere Erfindung: 2005 das Quadruple Tourbillon à DifférentielSphérique, 2006 das Tourbillon 24 SecondesIncliné und 2007 eine neuartige Binom-Unruh-Spiralfeder. Auf den fulminanten Start der Marke angesprochen, verwirft Stephen Forsey die Hände. «So haben wir das nicht erlebt. Schnell ist gar nichts gegangen. Da stecken vier Jahre zähe Forschungsarbeit dahinter. Geduldsproben galt es durchzustehen. Immer und immer wieder hiess es neu nachdenken,testen, ändern, verbessern.»
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Aufwendige Geduldsarbeit:Artisans im Atelier der Firma inLa Chaux-de-Fonds.

Weil Robert Greubel und Stephen Forseymit Kopf und Herz Erfinder sind, für welche die Forschungsarbeit im Vordergrundsteht, hatten sie einen Traum. Wie es im Flugzeugbau oder der Autoindustrie üblich ist, wünschten sich die beiden eine Technologieplattform, die exakt auf die spezifischenBedürfnisse der Uhrmacherei ausgerichtet ist und es ihnen erlaubt, sämtlicheErfindungen und Konzepte intern zu realisieren und zu validieren. EWT (ExperimentalWatch Technology) nannten sie diese2005 ins Leben gerufene Engineering-Struktur, der sie einen hohen Stellenwerteinräumen und auf die sie ebenso stolz sind wie auf ihre Erfindungen und ihre Uhren. Hier wird nicht einfach ein Redesigning klassischer Mechanismen vorgenommen, sondern eine völlig neue Generation Tourbillons erfunden. Von der ersten Skizze über Computersimulationen und Labortests bis zum kompletten Prototypdurchläuft die Uhr hier alle Stationen ihrer Entstehung. Und jede gewonnene Erkenntnisfliesst in künftige Arbeiten ein. Wer Greubel Forsey besucht, muss gut zu Fuss sein. Das gilt schon für die Suche nach dem Hauptsitz an der Rue du Manège in La Chaux-de-Fonds. Da hastet man leicht erst einmal am Eingang vorbei und irrt nochmals um den ganzen Block. Eine Hinweistafelfehlt, und dass sich hinter dieser renovationsbedürftigen Häuserfassade etwasanderes als ein paar heruntergekommeneAbsteigen befinden könnten, scheint undenkbar. Stösst man endlich doch die verwitterte Holztüre auf, ist die Verblüffung gross. Ein geheimnisvoller, glasüberdeckter Innenhof offenbart eine überraschende Architektur:bunte Fresken, Treppchen, farbige Geländer, Bogenfenster, Galerien.Die vor rund 150 Jahren erbaute Reithalle ist im Laufe der Jahrzehnte mehrmals zweckentfremdet und ausgebaut worden und steht heute unter Denkmalschutz.In diesen zauberhaften Gemäuern befinden sich der Hauptsitz der Edelmarke sowie die Firma Complitime. Letztere, 2001 gegründet, ist ein wichtiger Pfeiler für GreubelForsey. Sie stellt komplizierte Uhrwerke für Dritte her; natürlich gehören nur dienobelsten Marken zu ihren Kunden. Im Angebot findet man Komplikationen wie Minutenrepetitionen, Tourbillons, Chronographenund ewige Kalender.Die Labors sind mit all jenen modernen CAD- und CNC-Einrichtungen ausgerüstet, mit denen sich virtuell arbeiten lässt und die heute zwingend sind, um in der Branche mitzuhalten. Geht es dann allerdings an das langwierige Bearbeiten und Dekorierender Uhrwerkbestandteile und das Zusammensetzender Komponenten, dann ist die aufwendige Geduldsarbeit von ausgewiesenenund mittlerweile rar gewordenen Artisans gefragt. Handarbeit pur. Die Crew ist stolz darauf, Besucher über ihre Arbeit zu informieren. Man erfährt etwa, dass eine Uhr durchschnittlich sechs Monate lang die verschiedenen Stadien in den Händen der Spezialisten durchläuft. Und dass es die Simulationen am Computer ermöglichen, rund 70 Prozent aller konzeptionellen und funktionellen Probleme schon in der Anfangsphase zu erkennen und zu beheben.Oder dass 80 Prozent der Bestandteile einer Uhr im Hause selber hergestellt werden.Der Blick durch die Lupe oder das Mikroskopoffenbart, wie winzig die sind: Alleindas Doppeltourbillon, selber ja nur ein Teil des gesamten Uhrwerks, setzt sich aus 128 Komponenten zusammen – und wiegt bloss 1,17 Gramm. Im Geschäftsalltag hat sich zwischen dem Erfinderpaar eine klare Arbeitsteilung eingespielt: Stephen Forsey kümmert sich um alles Operationelle, Konstruktion, Montage, Komponentenfabrikation, Labor. Robert Greubel obliegen Produktmanagement,Geschäftspolitik, Finanzen, Administration,Marketing, Kommunikation. Den Einstieg des Richemont-Konzerns bei Greubel Forsey im Jahr 2006 bezeichnet Greubel als logische Folge der Vorgeschichteder Marke: «Mit einzelnen der Uhrenmarken,die heute zu Richemont gehören, arbeite ich seit 20 Jahren eng zusammen. Für mich war das kein Eindringeneines Fremdlings. Wir profitieren beide voneinander. Ausserdem gehören uns immer noch 80 Prozent, und wir behalten das Sagen.» Mit Sicherheit dürfte das Distributionsnetzvon Richemont die Tore zur Welt öffnen.Der richtige Retailer, der den passendenKunden für die exklusiven Greubel-Forsey-Uhren findet, ist wichtig. Gut zwei Dutzend Verkaufsstellen gibt es heute in Asien, Europa, dem Mittleren und dem Fernen Osten sowie in den USA. Die Preise der verschiedenen Typen sind hoch: Das «günstige» Tourbillon-Modell 24 Secondes Incliné mit der seitlichen Bullaugenöffnungkostet 270 000 Franken, das in nur elf Exemplaren aufgelegte Invention Piece 1 mit seinem ungewohnten Anzeigesystem 470 000 Franken. Das Modell Secret mit dem unsichtbaren Tourbillon lassen sich Leute mit ausgeprägtem Understatement-Profil 400 000 Franken kosten. Und der Preis des erst demnächstlieferbaren Modells Quadruple Tourbillon wird gar rund 580 000 Frankenbetragen. Die Auftragsbücher von Greubel Forsey sind voll und die Produktion klein: 2007 kamen rund 80 Uhren auf den Markt, 2008 werdenes etwa 100 sein; die Zahl von 150 gilt unter den gegebenen Umständen als obersteLimite. «Wollen wir den Anspruch halten, den wir an unsere Uhren stellen, so können wir gar nicht mehr herstellen. Unter anderem, weil schlicht und einfach die Spezialisten von der Klasse, wie wir sie brauchen,fehlen», sagt Robert Greubel. Gibt es für zwei derart passionierte Uhrmacherund Erfinder wie Greubel und Forseynoch ein Leben ausserhalb des Ateliers? Stephen Forsey, Vater zweier Kinder, lebt seine Passion für die Mechanik auch in der Freizeit aus. Wenn er nicht gerade über einerneuen Uhr brütet, steckt er seinen Kopf daher auch ganz gerne mal unter die Motorhaube eines seiner Oldtimerautos. Robert Greubel lassen die Gedanken an den Mechanismus einer Uhr eigentlich auch nie ganz los. Er mag es, sich zum Ausgleichin der Natur aufzuhalten. Und prompt kommen ihm da häufig die besten Ideen. Das Anwesen, das er mit Frau und Tochter auf dem Land teilt, beherbergt nebenseinem Uhrenatelier auch einen halbenZoo mit Tieren aller Art: Pferd, Hund, Katze, Maultier, Minischwein, Pfau und jede Menge Federvieh. Fühlt sich das Erfindertandem nach fast zehn Jahren Selbständigkeit und steigendem Erfolg eigentlich noch auf dem ursprünglicheingeschlagenen Weg? «Ich glaube, wir sind nicht einen Zoll von unseren einstigen Vorstellungen abgerückt, und wir haben unsere Pläne verwirklicht: Jedes Jahr haben wir eine neue Erfindung vorgestellt, die angestrebtenProduktionszahlen wurden erfüllt,wir halten unseren Businessplan ein», beteuert Robert Greubel. Und Stephen Forsey philosophiert: «Wir machen immer noch genau das, was wir immer wollten. Das steckt doch einfach in uns Menschen drin: mit Händen und Kopf arbeiten, die Dinge verbessern, Erreichtes weiterentwickeln. Und genau das werden wir noch lange tun. Die Haute Horlogerie ist gewiss noch nicht abschliessend erfunden!»Von Johanna Bächtold
Fotos: Anne Morgenstern
BILANZ 7/2008
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