Er sitzt an einem kleinen Tisch im Hotel Schweizerhof. Auf dem Tisch steht eine braune Truhe, auf der Truhe liegen zwei weisse Handschuhe. Michel Jordi ist vorbereitet. Er lächelt, er sagt: «Sie kennen meine Geschichte?»
«Ja (siehe Box). Herr Jordi, was, wenn Sie mit der neuen Uhr wieder scheitern?»
«Nein. Ich scheitere nicht, noch nie war ich von einem Produkt so überzeugt. Es ist eine Neuheit in der 250-jährigen Uhrengeschichte: zwei Uhren in einer, verstehen Sie? Twins! Die Uhr lässt sich öffnen wie ein Fächer, like a fan.» Er zieht die Handschuhe an, öffnet die Truhe, nimmt die Uhr, drückt auf ein Scharnier, das Jordi «Twist-Block-System» nennt, und strahlt. «Sehen Sie?»
«Wozu braucht man zwei Uhren?»
«Wozu? Wozu? Zwei Zeitzonen, für Menschen, die viel reisen. Der Gottschalk hat auch eine. Es ist ja nicht nur die Uhr. Es ist die Philosophie. Die Michel-Jordi-Philosophie. Schauen Sie, die Schatztruhe aus Tannenholz, die wird in Gruyère hergestellt. Und drinnen die Uhr, eingefasst in einen stilisierten Eisblock. Der Boden aus Schiefer. Das ist die Schweiz! So riecht die Schweiz! Holz und Schiefer. Sie verstehen? In Singapur flippen die aus. Jetzt riechen Sie doch mal in die Kiste.»
«Riecht nach Holz.»
«Eben. Sag ich doch. Die Schweiz.» «Herr Jordi, warum braucht eine Uhr eine Message? Wozu dieses Tamtam?»
«Meine Uhren brauchen eine Identität. Ich bin nicht Patek Phillipp, ich muss Identität schaffen. Verstehen Sie? Uhren gibt es überall, es geht nicht um die Zeit. Es geht darum, zu zeigen, wer man ist.»
«Und wer ist man, wenn man Ihre Uhr trägt?»
«Jemand, der es zu etwas gebracht hat, der zeigt, dass er Erfolg hat.»
«Ein Aufschneider.»
«Ein Trendsetter. Es ist heute in, zu zeigen, was man hat. Aber reden wir lieber über die Uhr. Schauen Sie doch.»
«Sind Sie selber auch so?»
«Nein. Ich zeige nicht. Ich lebe einfach, Jeans und so.»
«Was für ein Auto fahren Sie?»
«Einen Porsche.»
«Aha.»
«Man muss sich ja auch mal was gönnen. Wie mit meiner Uhr. Ein wenig Luxus. Es gibt immer mehr Leute, die viel Geld verdienen und nicht wissen, wie sie es ausgeben sollen.»
«Man kauft Ihre Uhr, weil man nicht weiss, wohin mit dem Geld?»
«Das habe ich nicht gesagt. Wie soll ich mich ausdrücken: Man kann nicht mit dem Ferrari ins Restaurant. Deshalb die Uhr. Aber jetzt reden wir nicht über mich. Schauen Sie doch lieber mal das Glas an, aus Hergiswil . . .»
«. . . Herr Jordi, wie war das damals, als Sie mit der Ethn0-Uhr gescheitert sind? Ihr Lebenswerk, am Boden.»
«Es war knallhart. Aber ich hab nie aufgegeben. Umfallen darf man, nur liegen bleiben nicht. Aber zurück zur Uhr, schauen Sie mal: Diese Mechanik, ich lasse meine Uhren im Vallée de Joux herstellen. Die Wiege der Haute Horlogerie. Schauen Sie.»
Das Stehaufmännchen
Seine Anfänge: Michel Jordis erste Kreation hiess Le Clip, eine bunte Ansteckuhr aus Plastic, in Hunderten von Variationen. Nach anfänglichem Erfolg geriet «Le Clip» 1986 zu Jordis erstem Flop. Sein grösster Erfolg: 1988 lancierte Jordi die «Ethno Watch», die Uhr mit Schweizer Kreuz, Kuh und Edelweiss. Die Nachfrage war riesig, Jordi baute aus, entwarf Kalender und Unterhosen mit Kühen, expandierte in die USA und scheiterte. Anfang 2000 war Jordis Ethno-Linie am Ende. Sein jüngstes Projekt: Seine neue Uhr heisst Twins, Stückpreis 70 000 Franken. Letztes Jahr verkaufte er 100 Stück davon.
NZZ am Sonntag / Sacha Batthyany